Donnerstag, 9. Februar 2017

Widerrechtliche Inbesitznahme - Lena Andersson

Dieses Buch ist mehr eine Charakterstudie oder eine Gesellschaftsstudie, als ein Roman im eigentlichen Sinne, aber genau das macht es so besonders.
Kurzum geht es in diesem Buch um die Liebe, genauer noch um das unglückliche Verliebtsein. Ein Verliebtsein, das nicht erwidert wird, das uns zum Sklaven der eigenen Gefühle macht, das uns den Verstand raubt und uns zum Affen macht, vielleicht sogar zur Marionette.
Die Autorin hat es mit diesem Buch geschafft, mich trotz der Fehlhandlungen Esters, der Hauptperson, immer am Ball zu halten. Und das aus gutem Grund: Denn Ester war keineswegs dumm oder naiv, ganz im Gegenteil. Sie war ein sehr starker, weiblicher Charakter, doch merkte man, wie sie diese Stärke und Unabhängigkeit Stück für Stück immer mehr verlor, je länger sie diesem Künstler Hugo nachrannte, der sie immer auf Distanz hielt. Mal machte er ihr schöne Augen und sie hegte Hoffnung, dann meldete er sich wieder wochenlang nicht oder sagte etwas, das ihr wehtat. So ging das immer weiter und hin und her und wenn man es böswillig sagen möchte, ähnelte es einem New Adult Roman, in dem sich ein naives Mädchen von einem Kerl abhängig macht, der sie nicht einmal haben möchte, ihren Stolz verliert und sich zum Clown macht, alles dafür tun würde, nur, damit er sie zurückliebt. Doch da Ester nicht dumm ist und sie ihre eigenen Fehler analysiert und auch erkennt, machte es interessant. Man spürte, dass sie eine clevere Frau und eine von hoher Intelligenz war. Und das zeigte dem Leser, dass man jegliche Intelligenz verliert, wenn man sich verliebt. Und wem von uns ist das nicht auch schon mal passiert?
Wer war nicht schon mal in jemanden verliebt, der einen nicht haben wollte und hätte alles getan, um ihn zu bekommen? Wer hatte nicht schon einst im Leben das Gefühl: Für mich gibt es nur diesen einen Mann und wenn er nicht da ist, ist mein Leben so leer.
Alles Schwachsinn, aber in dem Moment, in dem man so fühlt, ist es mehr als real. Es fühlt sich schrecklich an und die Autorin zeigt uns durch Ester, wie es ist und sie lehrt uns durch die Fehler von ihr, was wir selbst vielleicht falschgemacht haben und wieso wir so gehandelt haben.
Ester war ein Charakter, in den sich jeder reinversetzen kann und doch musste ich des Öfteren über sie die Augen verdrehen. Aber dann dachte ich nach und ... verdrehte die Augen zur gleichen Zeit auch über mich selbst, da ich irgendwann einmal genauso dastand und genau das gleiche getan habe. Und am Ende war man noch trauriger. Meistens.
Hugo konnte ich im Übrigen nicht leiden und habe auch immer noch kein wirkliches Verständnis dafür, wieso sie diesen Kerl so unbedingt haben wollte. Für mich hatte er nichts an sich, was man hätte mögen können. Außer vielleicht den Aspekt, das er ein berühmter Künstler war.
Hugo lernen wir in dem Buch ebenso gut kennen wie Ester, zumindest erfahren wir sehr viel, was Ester über ihn denkt und das auf ehrliche Weise, Gedanken, die vielleicht aus Frust entstanden waren, die aber dennoch genau Hugos eigentliches Wesen zu beschreiben schienen.
Im Grunde genommen begleitet man Ester durch ihr relativ stilvolles Leiden.
Sie ist intellektuell, eine Dichterin, arbeitet auch mal für die Presse und ist sehr gebildet und doch ... vor der Liebe ist niemand sicher. Wenn sie dich packt, packt sie dich, und dann bist du verletzlich und abhängig wie ein Kind. Erschreckend ehrlich zeigt dieses Buch uns die innersten Empfindungen auf, die wir kennen und vor denen wir uns fürchten. Egal, wie alt wir sind.
Eigentlich grandios, aber auch recht deprimierend. Nichts für zwischendurch, eine Lektüre zum Nachdenken mit teilweise sehr anspruchsvollen Dialogen, was ich sehr mochte.

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