Donnerstag, 20. April 2017

Ein wenig Leben - Hanya Yanagihara

Ich habe etwas länger darüber nachgedacht, dieses Buch zu lesen. Immerhin hat es beinahe 1000 Seiten und dazu ist es auch noch ein Werk, das nicht in der leichten Unterhaltungsliteratur angesiedelt ist. Es ist nichts zum 'Mal-eben-weglesen'. Da ich aber genau diese 'schwerwiegendere' Literatur mag und oftmals gesehen habe, wie dieses Buch die Meinungen spaltet, wie manche es hochloben und andere den Hype nicht ganz verstehen können, musste ich es im Endeffekt haben.
So stand es noch einige Tage hier und ich hab es immer wieder angesehen und mir gedacht: Wie soll ich das bloß anstellen, dich zu Ende zu lesen?
Ich habe mir das Hörbuch besorgt. Und damit ging es reibungslos. Beinahe täglich habe ich eine halbe Stunde bis Stunde gehört und das Buch hat mich somit beinahe einen Monat lang begleitet.
Die Protagonisten, insbesondere Jude und Willem sind mir so sehr ans Herz gewachsen. Es gab Momente des Schmunzelns, Momente der Trauer, Momente des Schmerzes, der sogar auf den Leser überging und es war eine so lange und ausgefüllte, intensive Geschichte, dass es sich tatsächlich anfühlte, als kenne man sie. Als wäre man in irgendeiner Form ein Teil davon.
Dennoch muss ich sagen, dass mich dieses Buch nicht zum Weinen gebracht hat. Allerdings hat es mich in einer viel tieferen Form berührt. Es berührte weniger mein Herz, sondern viel mehr meinen Geist. Mein Innerstes. Es gab Momente, da saß ich da und es wurde schwieriger, dem Sprecher zuzuhören, weil mir das Gesprochene nahe ging. Weil es mir irgendwo selbst wehtat.
Ich empfand Traurigkeit, Schmerz, Unwohlsein, Hoffnung, Liebe, Wohlwollen und alles Mögliche auf einer Ebene, die keine Emotion nach außen verlangt hat. In mir drin spielte sich ein tiefes Verständnis ab, ein tiefes Mitgefühl, welches dort anscheinend bleiben wollte und keine Tränen verlangt hat, um ausgespült zu werden. Klingt unglaublich spirituell und für manche vielleicht schwachsinnig, aber ich kann es nicht anders beschreiben, weswegen mich dieses unfassbar ergreifende Buch nicht zum Weinen gebracht hat. Aber ich bin innerlich mit diesen Charakteren und mit der Geschichte verbunden und habe viel Schmerz gefühlt bei diesem Buch. Viel, viel Schmerz. Und es tut immer noch weh, an diese Momente zurückzudenken.
Allgemein hat dieses Buch eigentlich nur schwermütig verletzt, deprimiert, dramatisch gewirkt. Aber noch nie zuvor habe ich so etwas Authentisches gelesen. Für mich ist es der Inbegriff des Lebens auf der schlechten Seite. Der Inbegriff der Gefühlsebene, die Menschen erleben müssen, denen Böses widerfahren ist. Das mit Worten zum Ausdruck zu bringen ist eine wahre Kunst. Für mich ist dieses ganze Buch ein einziges Kunstwerk. Es sollte überall auf einem Podest stehen, denn für mich war es nicht mal nur ein geniales Buch. Darin steckt eine Welt, die lebendig wird, sobald man anfängt zu lesen. Sobald man die erste Seite aufschlägt und liest oder sich vorlesen lässt, was mir die Charaktere noch mal auf ganz andere Weise nahe gebracht hat, ist man drin und mit Jude verbunden.
Jude hat mir das Herz berührt. Mehr als es viele Menschen in Büchern geschafft haben und auf eine ganz eigene, ganz besondere Weise. Ich liebte ihn und ich bemitleidete ihn und ich hätte mir gewünscht, in seinen schlimmen Momenten bei ihm sein zu können. Ich habe mir während dem Hören gedacht, wie ich mit ihm umgegangen wäre, was ich zu ihm gesagt hätte. Das habe ich selten, dass ich mich Personen so nah fühle, über die ich bloß lese, dass ich gerne in die Handlung gesprungen und etwas verändert hätte.
Für mich einfach eines der besten Bücher, die existieren und definitiv ein Leseerlebnis der ganz besonderen Art. Schwere, harte Kost. Aber in sich so wunderschön. Lebendig, echt und absolut lebensnah. Die böse und dramatische, verletzliche und qualvolle Seite des Lebens wird hier in Worte gefasst, wie es sicher selten jemand geschafft hat. Einzigartig.

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